Ein geheimer Garten

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Leise knacken kleine Zweige auf dem leicht feuchten Boden der immer wieder schmatzend nachgibt. Vorsichtig aber beharrlich dringen einzelne Strahlen der wärmenden Sonne durch das Blätterdach des dichten Waldes. Friedliche Stille, ab und an unterbrochen von den stolzen Gesängen kleiner Vögel. Im Dickicht steht ein junges Reh und sieht mich mit großen Augen an. Es weiß nicht ob es Angst haben, oder fasziniert sein soll. Ich wende mich langsam, mit einer ruhigen und gleichmäßigen Bewegung ab um den Augenkontakt zu unterbrechen – mit der Hoffnung es dadurch nicht zu verjagen. Weiter den mit allerlei Gewächs in allen Größen umsäumten Pfad folgend stoße ich auf eine Backsteinmauer, mit Efeu umrankt. Die Szene wirkt als sei hier seit Jahrzehnten keine Seele zu Besuch gewesen. Die Zeit menschlichen Wirkens scheint angehalten.
Langsam folge ich der Mauer bis ich auf ein schmiedeeisernes Tor stoße. Einzig die noch nicht völlig verschwundenen Fahrzeugspuren und das nicht ganz in rostrot getauchte Tor mit seinem provisorischen Vorhängeschloss zeugen von Aktivität – auch wenn diese bereits ein halbes Jahr zurück liegen mag. Da ist es, das Tor ins Wunderland – ganz wie in „Chihiros Reise ins Zauberland“ – Nur ist es eine andere Geschichte, an einem anderen Ort, in einer gar nicht so anderen Zeit….

_DSC2530Wunderliche Dinge tragen sich auf meinem Weg durch diesen verbotenen Garten zu: kleine, nein, winzige Waldgeister huschen flink und beinahe geräuschlos durch die bodennahe Blätterdecke. Kleine, bunte Blumen scheinen ihren Kopf dem unbekannten Besucher entgegen zu neigen – ich fühle mich beobachtet. Plötzlich kracht es im Unterholz, ein kleines blaues Wesen lugt aus dem Gebüsch hervor. Vorsichtig biegt es die Zweige bei Seite um mich besser sehen zu können. Nur, womit vermag es zu sehen? Augen erkenne ich keine, aber wer weiß in welchem Körperteil sie verbogen sein mögen. Trotzdem wankt dieses… dieses Ding geradewegs auf mich zu. Ein Wächter der Wälder und geheimen Gärten? Vielleicht auch ein Waldschrat, oder doch nur ein kleines, nerviges Schreckgespenst? – Wie auch immer, ich kann mich vor Schreck nicht bewegen und beobachte neben mir stehend das seltsame Wesen.
Knapp vor mir kommt es zum Stehen. So knapp, daß ich sein moosigen Atem spüren kann. Gar nicht faulig oder krank wie man gerne denken möchte. Ich bin irritiert. Langsam öffnet es seinen Mund, genauso wie man es tut wenn man etwas sagen möchte, die Gedanken dazu aber noch längst nich abgeschlossen sind. Langsam, sehr langsam beginnt es gurgelnde Laute von sich zu geben. Das Gegurgel hält eine Weile an, und es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis ein verständliches Wort aus dem Rachen dieses Wesens kommt: „Wöäääerrr bissst Tuuh, uuhhnt wieezzoh stööäärsst Tuh uhnnz?“ – „Ich? Ich…, ja, wer bin ich eigentlich? Es… es lag und liegt mir fern zu stören. Ich bin ein Opfer meiner Neugierde, die ich manchmal nicht zu beherrschen weiß – und fast noch öfter, auch nicht beherrschen will. Aber sprich, wieso hältst Du hier Wache? Ist dies Dein zu Hause, und bin ich aus Versehen – in unbeabsichtigter Forschheit – in Dein Heim eingedrungen? Erzähl‘ mir, weshalb Du an diesem Ort bist, und welches ist Deine Aufgabe?“
_DSC2402_fbEine Antwort erhielt ich, genauso wie es auf seine Frage, nie. „Kohoomm, ffolggt mirr!“ krächzte es, und drehte sich langsam und behäbig um. „bringst Du mich zu Deinem Anführer?“ Meinte ich. „Jahhaaaa“ sprach das Widukind. Natürlich hätte ich einfach fortlaufen können, aber wozu? Die Neugierde packte mich erneut, und so folgte ich ihm. Wir stiegen einen steinigen Pfad hinauf, an dessen Ende folgten noch sicherlich über einhundert wackelige Stufen. Die Wächterblumen wandten sich mittlerweile – Ihrer lästigen Aufgabe entledigt – den karg vorhandenen Sonnenstrahlen zu. Diesen wenigen Energiebündeln nach denen ihr Innerstes lechzte. Das Unterholz verschwand allmählich und wir näherten uns einem leichten Abhang, bedeckt mit dichtem Laub.
Und dort stand er. Ja, er Stand, der König des umgebenden Garten und Waldes. König? Nein, dazu war er sicherlich zu klein und zu jung – wenn auch sichtlich zu erschöpft um noch lange zu leben.
„Seid gegrüßt fremder Eindringling, ich sehe und spüre, Euere Absicht ist nicht böser Natur. Dennoch bitte ich Euch, Ihr dürft berichten was auch immer Ihr wollt, allerdings verratet niemals – im Namen dieses Waldes – wo Ihr uns gefunden habt! Ihr seht, meine nützlichen, langen und leider kranken Untertanen umgeben mich. Sie langweilen sich im Warten auf Ihren Tod – bringst Du aber auch noch langweiliges Menschen-Getier hierher, so werden sie vor Gram noch schneller und sinnloser sterben! Also wähle Deine Vertrautesten mit Bedacht, und posaune nicht jeder Geheimnis Ursprünge hinaus in die Welt!“ Sprach der alte Baum. Nach diesen Worten verabschiedete er sich und zog sich in sich zurück – das konnte man natürlich nicht sehen. Aber spüren konnte ich es deutlich.
Der kleine Waldgeist, ich hatte ihn schon ganz vergessen so versunken war ich in dieser Begegnung, zupfte mich am Arm und bedeutete mir damit, ihm erneut zu folgen. Und so tat ich es. Wir stiegen den Abhang hinab und kamen wieder in eine gartenähnliche Umgebung. Nachdem wir einen fauligen Schlagbaum umrundet hatten gerieten wir an einen weiteren Zaun. Komplett eisern im Jugendstil – so gar nicht wirklich althergebracht, aber alt genug um sich rostig, bequem in die Umgebung einzubetten. Der Zaun umgrenzte einen Friedhof. „Thiess hiäärrr, thiess isst däärr Ggrunnd wesshallp wirr hirr äuuffpasssnn müeessnnn!“ Sprach mein Führer, der Schraz.
Inmitten des Friedhos, erklärte er mir, befände sich ihr Altar. Sie gelobten, keine dreihundert Jahre zuvor auf diese Seelen aufzupassen. Ganz im „Geheimen“, auf dass diese unter sich blieben und Ihre Ruhe haben. Aber auch er wisse, die Zeiten könnten schon bald gezählt sein und deshalb solle ich berichten. Bevor dies Alles verloren zu gehen drohe:
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